Der amerikanische Doping-Krimi geht weiter
CarminaRo-Übersetzung aus der "Times" vom 27.06.02 (ohne Gewähr)
Der US-Sport steht angesichts der Entlarvung von Olympia-Betrügern auf dem Prüfstand

Die Enthüllung, dass John McEnroe in seiner Zeit als Tennis-Profi Steriode einnahm, mag schockierend sein, und könnte seine Erfolge in Frage stellen, und sie könnte natürlich auch völlig unwahr sein. Ihr Zeitpunkt ist jedenfalls unglücklich. Nie zuvor wurde die Einstellung zum Gebrauch von Drogen im Sport in den Vereinigten Staaten so stark in Frage gestellt.

Die Vermutung, dass es ein insgeheimes Einverständnis und Verschweigen gibt, wird nun offen ausgesprochen und neueste Enthüllungen legen nahe, dass Medaillen bei den letzten drei Sommerolympiaden von Amerikanern gewonnen wurden, die positiv auf Drogen getestet worden waren, und die nichtsdestotrotz an den Wettkämpfen teilnehmen durften.

Auch der Baseballsport wurde von Berichten über weitverbreiteten Steroidmissbrauch erschüttert. Vergangenen Monat veröffentlichte "Illustrated" eine Untersuchung, in der Ken Caminiti, der frühere Star der National League, zugab, seine ganze Karriere über Steroide genommen zu haben und sagte, dass bis zu 50 % der Ligaspieler das gleiche täten. Jose Canseco, ein ehemaliger Spieler der Major-Ligue, behauptete, dass 85 Prozent der Spieler der ersten Ligen Steroide einnähmen.

Solche Geschichten sind mittlerweile alltäglich und obwohl es ein Vergehen ist, leistungssteigernde Drogen zu nehmen, wurde enthüllt, dass die Dopingfahnder in den USA bereitwillig darüber hinwegschauten. Das jedenfalls beteuert Wade Exum, früherer Chef-Dopingfahnder des US Olympischen Komitees (USOC), seit er vor zwei Jahren die Organisation verließ.


Exum Wade (Mitte) packt aus

Exum wurde von der USOC als ein verärgerter Angesteller hingestellt, dessen Job in Gefahr war, aber dieses Wochenende wird er die pikanten Einzelheiten, die hinter seinen Äußerungen stecken, an die Öffentlichkeit bringen. In einem Interview mit der Times erläuterte Exum, dass nur 50 Prozent derjenigen, die positiv getestet würden, auch die erforderliche Sperre erhielten, und dass dieser Anteil in den letzten Jahres seiner Tätigkeit auf ein Siebtel gesunken sei. "Ich spürte Widerstand an allen Ecken und Enden", sagte er. "Ihr Anti-Doping-Programm ist weitestgehend PR."


Exum erhob seine ursprüngliche Anklage durch seinen Anwalt im Juni 2000, indem er behauptete, dass das USOC „Doping seiner Athleten bewußt fördern würde, ohne auf die gesundheitlichen Folgen Rücksicht zu nehmen". In der Folge wurden mehrere Verfahren eingeleitet, doch Exum sagt, dass es schwierig war, sie durchzuziehen, weil die USOC-Anwälte all seine Beweise entwendet hätten. Die USOC wollte natürlich die Beweise sehen, und im Herbst 2000 wurde ihr erlaubt, von allen wichtigen Dokumenten Kopien zu machen.

"Meine Anwälte sagten ihnen, dass sie kommen und Kopien machen könnten," sagte Exum. "Aber was passierte, war, dass sie kamen, die Kisten mitnahmen und sie behielten. Exum behauptet, dass das USOC weitere Anstrengungen unternahm, um ihn zum Schweigen zu bringen. "Der USOC-Anwalt hat nie mit mir verhandelt, aber er traf sich mit meinem Anwalt und fragte, was es kosten würde, wenn ich von der Bildfläche verschwände.“

In der Zwischenzeit behielt die USOC Exums Beweise - etwa 20 Kisten - mit der Begründung, dass die Informationen vertraulich seien; und erst nach einem separaten Gerichtsvefahren im letzten Monat mussten sie diese Haltung ändern. Dieses Verfahren wurde nicht von Exum angestrengt, sondern von einer Reihe amerikanischer Nachrichtenorganisationen wie CNN, CBS, USA Today, The Chicago Tribune u.v.m. auf der Grundlage, dass die USOC illegal öffentliche Informationen zurückhielt. Der Sieg der Nachrichtenorganisationen gab Exum die Handlungsmöglichkeit zurück; es ist nun seine Entscheidung sein, ob und wann er alles erzählt.

Es wäre allerdings falsch zu glauben, dass sich die gesamten amerikanischen Medien nach einer der größten Drogengeschichten im Sport aller Zeiten reissen würden. "Die Frage ist, ob Exum sich durch Geld zum Schweigen bringen lässt“, sagte Thomas Keller, der Anwalt, der die CNN vertritt. „Er hat einige ziemlich schwerwiegende Behauptungen aufgestellt. Nun haben wir die Gelegenheit zu sehen, ob sie standhalten."

Wir werden es an diesem Wochenende sehen, denn am Samstag will Exum diese 20 Schachteln voll von verurteilenden Informationen öffentlich machen. Werden Goldmedaillengewinner entlarvt? "Ja, ich ging zu dem Olympischen Spielen mit einer Liste von Leuten in meiner Tasche, die zuvor positive Tests hatten. Darauf standen 10 oder 12 Namen." Und gewannen sie Medaillen? "Ich glaube schon." Und gab es Medaillengewinner der 96er Olympiade, die positiv getestet wurden? "Ja. Ich erinnere mich insbesondere an einige Fälle von Leichtathleten."

„Ich denke, dass eine Menge Leute wussten, was los war. Nur wenige von ihnen sagten etwas. Das USOC funktionierte nach einem Muster, wo sie jedesmal, wenn ein Athlet einen positiven Test hatte, die Rolle einnahmen, den Athleten vor Sanktionen zu bewahren und das IOC, die IAAF oder welche internationale Föderation auch immer als den bösen Buben hinzustellen, anstatt den Fall voranzutreiben."

Exums Enthüllungen sind nicht die einzigen, die in Kürze ans Licht kommen. Während er Berichte von Betrug in den Olympia-Teams von 1992 und 1996 liefert, gibt es immer mehr Anhaltspunkte dafür, dass bei den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sidney ein Athlet aus dem amerikanischen Leichtathletikteam, der positiv auf Drogen getestet wurde, dennoch die Goldmedaille gewinnen konnte. Der amerikanische Leichtathletikverband (USATF) hat dies lange diskutiert. Zunächst behauptete die USATF, dass die ganze Geschichte unwahr sei, aber letzten Sommer fand eine unabhängige Kommission einen Athleten - USOC13 ist der Code für den Test - der einen positiven Test abgegeben hatte.

Die USATF weigerte sich, seinen Namen bekanntzugeben mit der Begründung, ihre Regeln würden das verbieten, und versuchte den Fall zu entschärfen, indem sie vorgab, dass es sich um ein weniger wichtiges Mitglied des Teams handeln würde. Viele Anstrengungen wurden unternommen, um die Identität von USOC13 zu entdecken, und bei einem Treffen der Welt Anti-Doping-Agentur vor drei Wochen in Montreal kam das Gerücht auf, dass USOC13 ein Mitglied der Gold-Staffel sei. Wenn das so wäre, würde die ganze Staffel disqualifiziert. Die Identität von USOC13 soll in den kommenden Wochen enthüllt werden.

Der Fall wurde dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) vorgelegt, wo die IAAF argumentieren will, dass das USOC kein Recht hat seinen Athleten zu schützen. Die Times hat allerdings herausgefunden, dass die IAAF davon ausgeht, dass USOC13 kein Einzelfall ist. Weitere Untersuchungen legen nahe, dass es insgesamt fünf Fälle gibt.
"Wir haben allen Grund zu glauben, dass es weitere Fälle gibt", sagt Arne Ljungqvist, der IAAF-Vizepräsident. "Wir sind an die USATF, das USOC und die beiden akkreditierten Labors in den USA herangetreten. Wir möchte erreichen, dass wenn dieser Fall vor das CAS kommt, wir Informationen zu allen möglichen Fällen haben.

Welches Mitglied der US-Staffel ist womöglich USOC13?


Aus gut informierten Kreisen hört man jedoch, dass die USATF keinerlei Interesse an einer Ausweitung der Anhörung vor dem CAS hat... Die permanente Verweigerungshaltung der USATF ist der Grund für eine extreme Frustration bei denjenigen, die für einen sauberen Sport kämpfen.

Dick Pound, ein früherer Vize-Präsident des IOC und mittlerweile Vorsitzender der Welt Anti-Doping Agentur sagte: „Die USATF ignoriert beständig die Regeln. Sie haben so einen entschlossenen Kampf geführt, diesen Fall zurückzuhalten, sie sorgen dafür, dass Horatio auf der Brücke aussieht wie ein Junge mit einer weissen Fahne. Und sie halten einen Dauerrekord darin, die IAAF nicht von ihren Laborbefunden zu informieren."

Was bedeutet all dies für den olympischen Sport? Wären Exums Enthüllungen nicht extrem schädlich, wenn sie sich als wahr herausstellten? „Im Gegenteil“, sagte Pound. „Wenn es irgendeine Entdeckung gibt, müssen wir sie kennen. Ich hasse die Vorstellung, dass die USOC Teil einer systematischen Verschleierung war, aber wenn es so ist, müssen wir es wissen. Die Jagdsaison auf jeden, der betrogen hat oder geholfen hat zu betrügen, ist eröffnet.

Und wenn alles wahr ist, was wären die Auswirkungen auf die Olympiaergebnisse? Die Regeln sagen, dass man drei Jahre nach der olympischen Abschlusszeremonie noch handeln kann. Das Staffel-Team von Sidney könnte deswegen Grund zur Sorge haben, aber die Medaillengewinner von 1992 und 1996 können ihre Preise behalten, wie auch immer sie gewonnen wurden. Doch, wie Pound sagte, "Wenn es eine Formalie jemandem erlaubt, eine Medaille zu behalten, obwohl sein Betrug nachgewiesen ist, so ist das, was auch immer um dessen Hals hängt, kein Gold mehr."

Es sind die jungen Sportler und Sportlerinnen in den USA und ihre Eltern, die wahrscheinlich den größten Grund zur Sorge haben. Eine neue Anklage, die in Denver auf ihre Verhandlung wartet, wurde von einem Radfahrer erhoben, der behauptet, dass er im Rahmen eines nationalen Jugendprogramms von seinem Trainer zur regelmäßigen Einnahme von Steroiden angehalten wurde. Wenn es vorher keinen Grund zur Sorge gab, dann gibt es ihn jetzt.